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LEBEN, FÜHLEN, SPÜREN.



Die Herzen der Eheleute Werner sind auf ganz besondere Weise zu einem gemeinsamen Leben verbunden. Helke Werner betreut seit 2002 ihren Mann Karlheinz, der sich nach einem Herzstillstand im Wachkoma befindet. Daneben hat die engagierte Bölsdorferin für andere Betroffene und deren Angehörige eine Selbsthilfegruppe gegründet. Die August-Sonne fällt auf das Klingelschild eines Einfamilienhauses. Es verrät, dass sich hier die Familie von Karlheinz Werner den Traum vom Leben abseits der städtischen Hektik erfüllt hat. Der Garten hinter dem Haus verspricht auch in diesem Jahr eine reiche Ernte. Unter den Obstbäumen tummeln sich inzwischen die Enkelkinder. Nick und Nina sind gern bei Oma und Opa zu Besuch. Wie viele Sachsen-Anhalter erlebten auch die Werners mit den 1990er Jahren eine turbulente Zeit. Herr Werner ergriff mit dem gesellschaftlichen Wandel die Chance zur Veränderung. Als großer Liebhaber von Tasteninstrumenten erfüllte er sich den Traum von einer privaten Musikschule, während Ehefrau Helke ihrem Beruf als angestellte Lehrerin treu blieb. Nachdem die Tangermünder 1994 in den heutigen Ortsteil Bölsdorf gezogen waren, stand ihr Leben mit der Jahrtausendwende in neuer Blüte. Die unruhigen Fahrgewässer hatten sich wieder beruhigt. Der wichtigste Umbruch im Leben schien gemeistert. Während Deutschland skeptisch auf seine noch druckfrischen Euros blickte, war auch der Familienkalender der Werners für das Jahr 2002 bereits gut gefüllt. Bis am 20. Januar 2002 plötzlich ohne jede Vorwarnung der Herzschlag von Karlheinz aus dem Takt kommt. Der Rhythmus seines Herzens wird so heftig gestört, bis es ganz zu schlagen aufhört. Notruf und Blaulicht. Die Reanimation gelingt. Es folgen Intensivstation und künstliche Beatmung. Endlos gefühlte Stunden zwischen Leben und Tod, die sich zu quälenden Tagen reihen. Mit der Ehefrau bangen auch zwei Töchter um ihren Vater. Tracheostoma, Magensonde und Katheder. Die Ärzte machen nur wenig Hoffnung. Während Helke Werner in diesen Tagen emotional durch die Hölle geht, wächst in ihr ein Glaubenssatz: Gemeinsam schaffen wir das. Denn zu zweit sind wir stärker als jede Herausforderung, die uns das Leben in den Weg stellt. Den kritischen Minuten, die ihr Leben schlagartig verändert haben, begegnet Helke Werner mit einer unglaublichen Energie. Die sich so sehr aus der Kraft der Zweisamkeit speist, dass man beinahe an Zahlensymbolik glauben möchte. Denn das Kalenderblatt zeigt den 2.2.2002, als Karlheinz endlich wieder selbstständig zu atmen beginnt. Es ist der 52. Geburtstag seiner Ehefrau, der er in diesem Augenblick das wertvollste Geschenk ihres Lebens macht. Das Paar feiert einen neuen, gemeinsamen Geburtstag. An dem zwei Leben mehr denn je zu einem gemeinsamen Weg verschmelzen. Während der Früh-Rehabilitation verbrachte Helke Werner jede freie Minute an der Seite ihres Manns. Dabei brannte in ihr nur noch ein Wunsch: Ihn so schnell wie nur möglich wieder bei sich zu Hause zu wissen. Entgegen allen gut gemeinten Ratschlägen, die einer sich verdichtenden Wachkoma-Diagnose folgten. In der Nähe zu ihrem Karlheinz bereitete sie sich auf alles vor, was sie für seine häusliche Pflege wissen und können musste. Denn die Sehnsucht nach ihrem Mann brannte um so Vieles größer als jede Angst vor einem Sprung in unbekannte eiskalte Gewässer. Derer sie sich erst richtig bewusst wurde, als Karlheinz Werner am 21. Mai 2002 nach Hause verlegt wurde. Nun war sie da, diese schwere Last der großen Verantwortung. Die sie aber gern für die Gewissheit schulterte, dass sie die Tage und Nächte im gemeinsamen Zuhause wieder mit ihrem Ehemann teilen kann. Der Preis war, dass sich der Tagesablauf von Helke Werner durch die fürsorgliche Betreuung ihres Mannes zu einer Doppel-Schicht weitete. Trotz der gewachsenen Unterstützung durch examiniertes Krankenpflege-Personal agierte sie jahrelang an der menschlichen Belastungsgrenze. Bis sie mit den Sommerferien 2008 das Angebot einer Pensionierung über ein Altersteilzeit-Modell dankend annahm. Inzwischen genießt sie die Ruhe, mit der sie das Leben mit ihrem Mann ebenso fürsorglich wie entspannt gestalten kann. Um Liebe zu geben und Hoffnung zu leben. Dieses gemeinsame Leitbild hat die Eheleute Werner und Vita Amare im Sommer 2012 zusammengeführt. Neben unserer großen Erfahrung in der Intensivpflege verbindet uns das Ziel, die Ressourcen jedes pflegebedürftig Erkrankten maximal wiedernutzbar zu machen. Frau Werners Erfahrungen bereichern dabei unser Konzept der Rückzugspflege, das auf die persönliche Lebensqualität unserer Klienten gerichtet ist. Ich sitze ich mit einer junggebliebenen Sechzigerin am Tisch ihrer Wohnstube. Das jahrelange Agieren an ihrer physischen und psychischen Schmerzgrenze hat diese bewundernswerte Frau außergewöhnlich stark gemacht. Wenn Helke Werner heute bei einer Tasse Kaffee aus der Vergangenheit erzählt, klingt ihre Biografie beinahe wieder rund. Wie aus einem Guss, in dem man keinen Bruch vermutet. Sie hat ihren neuen Lebensabschnitt angenommen. Nicht nur mit einem zuversichtlichen Blick nach vorn. Sondern auch einem ausgeprägten Gespür für das Glück des Augenblicks. Während sie ihrem Karlheinz liebevoll Essen und Medikamenten reicht, strahlt ihn nicht nur ihre Körpersprache an. Sie lobt ihn. Für seinen wichtigen Beitrag zum gemeinsam erfolgreichen Kampf. In Momenten wie diesem ist sie wieder spürbar. Diese unbändige Kraft, die sich aus einer Partnerschaft entfesseln lässt. Wir besichtigen das Pflegezimmer, dessen liebevolle Einrichtung den anderen Wohnräumen in nichts nachsteht. Der Duft frischer Blumen erfüllt den Raum und macht den Sommer erlebbar. Über dem Bett schwebt die Unendlichkeit eines Himmels, an den sich die Souvenirs reihen. Zwischen spanischen Kastagnetten strahlt ein Plüsch-Elch aus Norwegen für seine heimatliche Mitternachtssonne.
Die moderne Medizin bezeichnet Karlheinz Werners Verfassung als „Syndrom reaktionsloser Wachheit“ (SRW). Bei dem jeder Patient anders auf Stimulationen reagiert. Auf Schmerz genauso wie auf physische, optische oder akustische Reize. Aber alle Betroffenen verbindet die wichtige Fähigkeit zu spüren. Daran knüpft das Konzept der basalen Stimulation an. Das Menschen, deren Fähigkeit zur Wahrnehmung, Bewegung und Kommunikation längerfristig eingeschränkt ist, sowohl die Wahrnehmung ihres Körpers ermöglicht als auch den Kontakt mit ihrer Umwelt. Die Eheleute Werner sind das perfekte Lehrbeispiel, wie ausgezeichnet basale Stimulation funktionieren kann. Denn bei diesen wahrnehmungsorientierten Angeboten zur Kommunikation spielen neben dem Schädigungsmuster auch persönliche Vorlieben eine wichtige Rolle. Eine Waschung kann bei wahrnehmungsorientierter Ausführung sowohl beleben als auch beruhigen. Daneben fördert sie die Konzentration und körperliche Selbstwahrnehmung des Patienten. Die auch beim Ertasten des eigenen Körpers stimuliert wird. Während sanfte Körperbewegungen räumliche Orientierung schaffen. Eine wahrnehmungsorientierte Positionierung macht neben den Flächen des Körpers auch dessen Schwere erlebbar. Wenn Frau Werner einen Geschmacksbeutel zubereitet, spricht sie damit nicht nur den Geschmacks- und Tastsinn ihres Mannes an. Sondern stimuliert auch seine körperliche Orientierung im Mund. Schon die kleinste Berührung ist Kommunikation und löst Empfindungen aus. Jeder von uns empfindet das unterstützende Halten eines Armes anders als ein Zugreifen. An dieser Stelle betont Frau Werner auch den Stellenwert einer respektvollen Distanz zwischen Patienten und Pflegern.

Wer im Sternzeichen des Wassermanns geboren ist, gilt bei den Astrologen als ausgesprochener Menschenfreund. Der sein persönliches Wissen gern der Allgemeinheit schenkt, durch die es anderen zugutekommt. Aber bei Helke Werner braucht man kein Horoskop, um zu verstehen: Diese dem Leben zugewandte Frau ist beseelt davon, ihren großen Erfahrungsschatz mit anderen Menschen zu teilen.
Deshalb hat sie eine Selbsthilfegruppe „Wachkoma und Angehörige“ initiiert. Hier finden Betroffene und Angehörige wertvollen Rat und tatkräftige Unterstützung. Für die Bewältigung einer ebenso abrupt wie nachhaltig veränderten Lebenssituation. Neben dem Erfahrungsaustausch zu den Befindlichkeiten der Betroffenen und Angehörigen sowie damit verbundenen Herausforderungen organisiert Frau Werner Fach- und Beratungsgespräche mit Experten zur pflegerischen und therapeutischen Versorgung.
Zu den monatlichen Treffpunkten der Selbsthilfegruppe gehört die Wohngemeinschaft von Vita Amare in Tangermünde. Die Gruppe kennt jedoch keine regionalen Grenzen. Nachdem sie auch im südlichen Sachsen-Anhalt Anklang gefunden hat, kommen die Mitglieder inzwischen sogar aus Berlin und Dresden.

Ein Höhepunkt sind gemeinsame Reisen. Alle zwei Jahre fährt die Gruppe in das „HausRheinsberg“ Hotel am See. Was einst als gemeinsames barrierefreies Wochenende begann, hat sich inzwischen zu einer gut gefüllten Projektwoche entwickelt. In der die basale Stimulation eine wichtige Rolle spielt. Wenn zwischen wertvollen Gesprächen und Vorträgen das Schnauben und der Hufschlag von Pferden das Gehör stimuliert. Während der Kremser den Duft des märkischen Sandes aufwirbelt. Wenn das herbstliche Rascheln bunt gefärbter Bäume und der maritime Duft des nahen Sees die Sinne verzaubern. Streicheleinheiten für Haustiere den Tastsinn stimulieren. Auf einer Dampferfahrt der Wind die Haut streichelt, die Musik des Schiffsmotors die Wellen weckt und den See erlebbar macht. Während beim Kegeln alle zur Kugel greifen, um mit jeder Menge Spaß lautstark die Kegel poltern zu lassen. Zum gegenseitigen Austausch gehört selbstverständlich auch, dass abends an der Bar Gläser erklingen, die auf das Erreichte und die Zukunft anstoßen. Frau Werner zeigt mir das Bild eines freundlichen Brandenburgers, der an seinem Leierkasten kurbelt. Dessen Mechanik Lebensfreude musikalisch anfassbar macht. Insbesondere für Karlheinz Werner. Dem als Thüringer die besondere Liebe zum Akkordeon in die Wiege gelegt wurde. Aus dem durch das eingespielte Zusammenwirken zweier Seiten lebensfrohe Melodien sprudeln. Dank einer Vielfalt harmonischer Tastenkombinationen. Helke und Karlheinz Werner schlagen in ihrem Leben gemeinsam neue Akkorde an. Die sich zu einer faszinierenden Melodie verbinden, dessen besonderer Klang mich nicht mehr los lassen will. Während wir heute nur noch selten Euro in D-Mark umrechnen, hat sich der Zustand von Karlheinz Werner deutlich verbessert. Seine gewachsene Empfänglichkeit für Stimulationen deutet darauf, dass er in der Aufwachphase angekommen ist. Angesichts der vielen kleinen Fortschritte muss er noch mehr als zuvor gefördert werden. Frau Werner freut sich weiter über jeden kleinen Fortschritt. Ihre schönste Belohnung ist es, wenn Sie die dankbaren Reaktionen ihres Mannes spürt. Um sich für gesundheitliche Verschlechterungen zu interessieren, ist sie viel zu glücklich. Mit leuchtenden Augen richtet sie ihren Blick nach vorn. In ein paar Tagen wird sie mit Ihrem Mann in Rheinsberg den Altweibersommer und die Zweisamkeit genießen. Diese Zeit jenseits des Alltags, die immer voller besonderer Reize steckt. Dabei werden ihre Gedanken gelegentlich schon ins Jahr 2016 schweifen. Denn in ihrem aufgeklappten Laptop befindet sich schon eine fortgeschrittene Planung für die nächste Gruppenreise. Versiert flitzen Helke Werners Finger über den Touchscreen. Ist das Internet ein gutes Medium für Patienten und deren Angehörige? Ja, sie habe sich mit Unterstützung der Kinder technisch aufgerüstet und dabei viel gelernt. Für medizinische Fortschritte und gute Botschaften bleibt sie immer empfänglich. Neben dem Umgang mit der modernen Technik hat sie aber auch gelernt, destruktive Botschaften in ihrem persönlichen Wahrnehmungsfilter zurückzuhalten. So hält sie es auch mit ärztlichen Konsultationen und Untersuchungsergebnissen. Helke Werner stammt aus Mecklenburg. Aus ihrem Mut, aber auch ihrem Charme sprechen norddeutsche Tugenden. Darüber liegt eine bodenständige Bescheidenheit. Wenn sie über das spricht, was sie für sich und ihren Mann sowie die Allgemeinheit täglich leistet.

Stirbt die Hoffnung zuletzt? „Nein“, widerspricht mir Frau Werner entschieden. Um sofort zu ergänzen „Die Hoffnung stirbt nie.“ Dabei huscht ein zuversichtliches Lächeln über ihr Gesicht. Es fällt Männern gewöhnlich schwer, sich weiblichen Ansichten zu beugen. Aber hier weiß ich auf Anhieb: Diese großartige Frau hat Recht!

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